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Diversity Preisverleihung 2017

Karoline Linnert spricht ihr Grußwort als Gastgeberin

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Frau Professorin Luckey,
sehr geehrte Frau Berninghausen und Frau Heitkamp-König,
sehr geehrter Herr Professor von Ahsen,
sehr geehrte Frau Boldaz-Özdemir,
sehr geehrter Herr Dr. Steinbrück,
liebe Bewerberinnen und Bewerber um den Diversity-Preis 2017,
liebe Jury und liebe Trägergemeinschaft,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich Willkommen zur diesjährigen – achten! – Diversity Preisverleihung im Bremer Rathaus! Als Bürgermeisterin unserer freien – und sehr vielfältigen – Hansestadt Bremen begrüße ich Sie hier in der Oberen Rathaushalle. An diesem Ort treffen hanseatische Tradition – das ist unübersehbar – und moderne Ideen unserer gegenwärtigen Gesellschaft aufeinander. Deshalb sitzen ja auch Sie alle hier.

Es macht mich ein gleichzeitig stolz und auch ein wenig nachdenklich, dass wir hier in Bremen die einzigen sind, die einen Diversity-Preis vergeben. Eindeutig ein Grund zur Freude ist, dass es zum ersten Mal auch Bewerbungen aus Oldenburg und Bremerhaven gegeben hat! Aber mehr darf ich ja zum Preis noch nicht sagen…

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
worum geht es hier heute? „Diversity“, das ist ins Deutsche übersetzt die Vielfalt, und die Verschiedenheit. Die Soziologie meint damit neutral die Unterscheidung der Menschen nach Alter, Geschlecht, Behinderung, Kultur, sexueller Orientierung, Religion oder Weltanschauung.

Mit diesen Kategorien erwischt man uns alle, wir sind alle „divers“: Wir sind verschieden alt, zählen uns zu verschiedenen Geschlechtern, sind mit oder ohne Behinderungen ausgestattet, glauben an verschiedene Vorstellungen und so weiter.

Wenn wir hier von „Diversity“ sprechen, dann müssen wir feststellen, dass die meisten von uns Benachteiligungen, Diskriminierungen und Ausschluss im Hinterkopf haben. Die andere Seite der selben Medallie ist, dass eine bestimmt Gruppe von Menschen bevorzugt wird. Es ist die vermeintliche Mehrheitsgesellschaft. Die ist männlich, weiß, deutschstämmig, heterosexuell, eventuell christlich sozialisiert und nicht behindert. Diese Vorstellung einer bestimmten Mehrheitsgesellschaft konstruiert ein ausschließendes „Wir“ und „Die“, „Wir“ und „Ihr“. Und: Sie ist meiner Ansicht nach von vorgestern.

Seit dem 24. September sitzen einige Abgeordnete im Bundestag, die mit diesem ausgrenzenden „Wir und Ihr“-Gegensatz auf populistische Weise Ängste schüren und Politik machen. Wir sind damit konfrontiert, dass mehr Menschen sich strikt abgrenzen gegenüber „den Anderen“, „Fremden“,dass mehr Menschen die – real vorhandene – Vielfalt unserer Gesellschaft ablehnen, dass viele Menschen glauben, ihnen würde etwas weggenommen, wenn andere Menschen zu uns fliehen. Das ist nicht einfach und nicht gut auszuhalten.

Vor allem verstehe ich es nicht. Ich habe keine Phantasie dazu, was an einer bestimmten Hautfarbe, einem bestimmten Geschlecht oder an einer bestimmte Religion besonders wertvoll oder weniger wertvoll sein soll. Das gefält mir nicht – und ich nehme an, vielen oder allen hier auch nicht. Aber auch das ist Demokratie. Wir müssen Menschen mit solchen Überzeugungen nicht mögen, aber wir müssen sie aushalten und sollten versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Und wir dürfen sie auf gar keinen Fall in gleicher Weise nach dem „Wir und Ihr“-Prinzip ausschließen!

Glücklicherweise handelt es sich bei der beschriebenen Entwicklung nur um eine gesellschaftliche Strömung! Zeitgleich dazu gibt es eine diametral entgegengesetze Entwicklung in dieser Gesellschaft: die größer und selbstverständlicher werdende Akzeptanz von Menschen, die „irgendwie anders“ sind. Ich will drei Beispiele aus dem jetzt vorüber gehenden Jahr nennen, an denen es deutlich wird:

Vor etwa einem Monat hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass ein dritter Geschlechtseintrag in Behördenregistern möglich sein muss. Damit wird vor allem intersexuellen Menschen, die sich nicht den Kategorien „weiblich“ oder „männlich“ zuordnen können oder wollen, nicht länger eine eigenständige Identität verweigert.

Am 30. Juni hat eine fraktionsübergreifende Mehrheit der Bundestagsabgeordneten den Weg dafür frei gemacht, dass auch homosexuelle Paare heiraten können, wenn sie wollen. Und zwar richtig.

Passend dazu hat am 26. August 2017 zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren in Bremen wieder ein Christopher Street Day stattgefunden. Daran haben schätzungsweise etwa 3.000 bis 5.000 Menschen teilgenommen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
das Haus der Finanzsenatorin, die ich ja auch bin, ist für den gesamten Bremer öffentlichen Dienst zuständig. Seit Jahren bemühen wir uns darum, die ganze Bandbreite der Gesellschaft im öffentlichen Dienst abzubilden, wie sie tatsächlich ist: in der Verwaltung, den Ämtern, bei der Polizei und in Schulen. Denn der öffentliche Dienst ist für alle da, er dient der ganzen Gesellschaft und ist Teil dieser Gesellschaft.

Dazu gehört auch, dass Kinder unterschiedliche Vorbilder haben: Wie sie wissen, sind Männer an Grundschulen Mangelware. Deshalb haben wir vor 5 Jahren zusammen mit der Universität ein Projekt gestartet. Es heißt „Rent a teacherman“, also: „Leih dir einen Lehrer“. Das funktioniert so, dass männliche Lehramtsstudenten etwa drei Stunden in der Woche an einer Grundschule assistieren und bei der Gelegenheit Erfahrungen sammeln.

Eine zentrale Idee ist, das Grundschulkinder auch männliche erwachsene Ansprechpartner haben, und dass sowohl die Kinder, als auch die Erwachsenen erleben, dass auch Männer Grundschullehrer sein können. Soweit ich weiß, waren manche Kinder am Anfang des Projekts so verwirrt, dass sie gar nicht wussten, wie sie die männlichen Lehrer ansprechen sollten.
Neben der wichtigen Vorbild-Rolle geht es bei dem Projekt auch darum, dass Männer in frauendominierte Berufe einsteigen. Wir kennen das aus anderen Berufszweigen, in denen das Thema „Frauen in männerdominierte Berufe zu bringen“ schon länger bearbeitet wird. Offensichtlich gibt es da noch eine Menge zu tun!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
natürlich dürfen wir uns auch nichts vormachen: Diversität ist sicherlich nicht immer nur einfach. Wenn Menschen mit verschiedenen Weltbildern, Rollen- und Wertvorstellungen aufeinander treffen, gibt es sicherlich Reibungen.Ich bin auch nicht begeistert, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die ein ganz anderes Frauenbild haben, als wir es uns hier lange erkämpft haben. Oder wenn Menschen für ein autoritäres System eintreten. Diversität fordert uns heraus. Sie bedeutet aber auch Abwechslung. Und: Sie ist schlicht und einfach unsere Realität. Also nutzen wir sie und machen so viel wie möglich daraus.

Jetzt wünsche ich uns allen einen interessanten und inspirierenden Abend und bin schon ganz gespannt auf die Preisträgerinnen und Preisträger in diesem Jahr!